Als die Reklame ins Rollen kam

„Die Wirksamkeit von Reklame an und in unseren Wagen bestreiten wir keinesfalls, wir bezweifeln lediglich, dass es zu Hebung des Fremdenverkehrs beiträgt, wenn Plakate mit Empfehlung von Zahnwassern, alkoholfreien Getränken, Cigaretten usw. in und an den Wagen angebracht werden.“ Am 2. Februar 1919 verteidigt die „Direktion des Elektrizitätswerkes und der Straßenbahn“ einmal mehr ihren Fuhrpark gegen die Ansinnen von Werbetreibenden. Schon 18 Jahre lang halten die Straßenbahner Reklame von ihren Wagen fern, da „die Eleganz derselben ganz bedeutend leiden“ würde, wie es die Direktion im Juni 1902 formuliert.

Doch unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise lässt der Stadtrat im Juli 1919 versuchsweise Geschäftsreklame an der inneren Wagendecke zu. „Das Bunte in den Wagen wirkt erfrischend und erfreuend auf die Augen, wie ungefähr eine bunte Tischdecke einen Wohnraum freundlich macht“, lobt die Zeitung „Volkswacht“. Als die Stadt 1921 einen dreijährigen Pachtvertrag mit der „Verkehrs-Propaganda GmbH“ aus Berlin schließt, wird es dem Blatt jedoch zu bunt: „Sollen anstatt der bisherigen bekannt eleganten und sauberen Freiburger Straßenbahnwagen getigerte und gesprenkelte Ungetüme durch die Stadt rollen?“, fragt der Verfasser am 21.11.1921 mit Blick auf die neue Dachschilder- und Plattformwerbung. Auch der Stadtrat sowie die Kommission und die Direktion der Straßenbahn bedauern die „hässliche Wirkung der Buntfarbigkeit“, doch die Farbe mache eben Kasse.

Ab 1925 betreibt die Stadt das Reklamegeschäft wieder in eigener Regie und beschließt 1927 ein Konzept, das bis 1948 größtenteils eingehalten wird: Städtische oder „stadtverwandte“ Betriebe dürfen im Wageninneren werben, die Außenflächen bleiben frei. Eine zusätzliche Reklame-Variante gleitet ab 1930 durchs Schienennetz: Der Zirkus Sarrasani verkleidet einen Motorwagen gänzlich mit seinen Bildern und fährt ohne Passagiere durch Freiburgs Straßen. Die Ganzwagenreklame machen sich wenige Jahre später auch die Nationalsozialisten zu eigen: „Wir fahren gen Engeland“, heißt es auf dem Motorwagen 13, dazu ertönt laute Marschmusik.

Unter Oberbürgermeister Hoffmann wird Werbung zur Chefsache. 1949 führt das Stadtoberhaupt die Dachschildreklame ein und verspricht, dadurch künftig jährlich einen neuen Omnibus zu finanzieren. Jeden Entwurf müssen der Reklamevermittler Hubert Bender und interessierte Werbeunternehmer im Rathaus vorlegen. Der Oberbürgermeister gibt überdies die Farbgestaltung vor: Braun auf elfenbeinfarbenem Grund. Eine „sehr große Hemmung“ sei dies, beklagen die Stadtwerke im August 1950. Seifenfabriken oder Firma Henkel etwa wünschten blauweiße Farben.

1964 fließen den Verkehrsbetrieben durch Dachschild- und Griffreklame – am Bund des Haltegriffs war eine kleine Werbeplakette angebracht – zwischen 35000 und 40000 Mark zu. Eine unbedeutende Summe, im Vergleich mit anderen Städten. Hinzu kommt, dass das Geschäft mit der Vollwagenreklame seit 1961 ruht. Die „Arbeitsgemeinschaft gegen die Auswüchse der Außenreklame“ aus Hilchenbach war bundesweit erfolgreich gegen die „Gauklerwagen“ vorgegangen. Im Juni 1964 wagen die Verkehrsbetriebe dann den entscheidenden Schritt: Sie vergeben das ausschließliche Recht, die Reklame in und an den Wagen zu vermarkten, an ein Unternehmen für Verkehrsmittelwerbung. Schon seit 1953 verpachtete die Bremer Werbezentrale Lloyd einen Teil der Freiburger Dachschilder. Nun liegt die gesamte Werbung in der Hand von deren Schwesterfirma „Schiffmann & Co“, – und erstmals werden auch die Rumpfflächen für Reklame freigegeben.

Die jüngste Neuerung kam zu Eröffnung der Stadtbahn Weingarten aufs Gleis. Am 26. März 1994 zeigte sich die erste Bahn mit kommerzieller Ganzbemalung. Seither tragen die Wagen der Verkehrs AG hin und wieder ihre eigenen Namen: „Brötlewagen“, „Bad-Dürrheimer-Bahn“ oder „der Ganter“.

In 100 Jahren Straßenbahngeschichte wuchsen die beigefarbenen, teakholzverkleideten Straßenbahnwagen zu modernen Stadtbahnen in lackglänzendem Farbgewand heran. 1921 notierte Emil Eitner, der Vater der Freiburger Straßenbahn, dass man sich „mit der Buntfarbigkeit wohl abfinden“ müsse. Achtzig Jahre später gehören die farbenfrohen Gefährte zum Stadtbild dazu.

aus: „Mobile Stadt. Die Geschichte der Straßenbahn in Freiburg.“ © Freiburger Verkehrs AG, Freiburg im Breisgau 2001.

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