Larissa Brandenstein

Weniger CO2 für Freiburg – Der Klimamobilitätsplan

40 Prozent weniger CO2-Emissionen bis 2030 – dieses ambitionierte Ziel hat sich die Landesregierung gesetzt. Wichtigstes Instrument dafür ist der Klimamobilitätsplan, den fünf Kommunen bis zum Jahresende erstmalig für sich erarbeiten. Freiburg ist eine der Pilotgemeinden, in denen seit gut einem Jahr viele Menschen kräftig an dem Plan arbeiten. Wir haben mit zweien von ihnen gesprochen.

Larissa Brandenstein ist Regionalwissenschaftlerin, Stadt- und Raumplanerin. Sie hat sich intensiv mit Verkehrs- und Mobilitätskonzepten beschäftigt und kümmert sich neben der Arbeit am Klimamobilitätsplan unter anderem um das Thema Fahrradparken und um Sharing-Konzepte für elektrische Zweiräder.

Wie geht die Arbeit am Klimamobilitätsplan vor sich?

Der Klimamobilitätsplan ist ein neues informelles Planungsinstrument, das heißt, er ist noch kein fertiges Rezept, sondern wir sind tatsächlich jeden Tag am Erfinden und Überlegen, wie wir die Senkung der CO2-Emissionen um 40 Prozent bis 2030 schaffen können. Wir haben viele Maßnahmen herausgearbeitet, die wir in den nächsten acht Jahren umsetzen wollen – und bestenfalls umsetzen können. Anschließend schreiben wir einen Umsetzungsplan, klären Fragen wie „Welches Budget und welches Personal brauchen wir?“ und dann steht ein konkretes Handlungskonzept, das umgesetzt werden kann. Und am Ende entscheidet der Gemeinderat, ob er die zusätzlichen Mittel und Personal bereitstellt. Wenn ja, haben wir innerhalb der Verwaltung einen klaren Fahrplan, was wir die nächsten acht Jahre lang machen wollen.

Stadtbahn Linie 3

Welche Maßnahmen können denn getroffen werden, um die CO2-Emissionen zu reduzieren?

Auf städtischer Ebene haben wir einige zentrale Maßnahmen, die sehr viel bringen: zum einen die Umstellung der Diesel- auf Elektrobusse bei der VAG. Das ist eine der wirksamsten Maßnahmen – was uns selbst überrascht hat. Zum anderen ist die Parkraumbewirtschaftung ein wichtiges Element. Wir können nicht nur ein Angebot machen, sondern wir müssen auch begrenzen und lenken, dass das private Fahrzeug nicht mehr so dominant genutzt werden kann. Angesichts der Flächenknappheit im öffentlichen Raum ist es eigentlich nicht mehr tragbar, dass wir sehr viel Raum kostenfrei zur Verfügung stellen. Und daneben gibt es noch andere Hebel wie etwa den Ausbau des Radnetzes in die Region hinein, damit wir die regionalen Verkehre adressieren können, oder die Ausweitung des ÖPNV-Angebots, den Ausbau der Stadtbahn, Ausweitung von Carsharing und anderes.

Wie ambitioniert sind denn all diese Ziele?

Das kommt ganz drauf an, wen man fragt. Das Land, das den Plan finanziert, sagt aktuell: Das passt noch nicht, hier braucht es noch ein bisschen Kreativität. Bei uns im Rathaus sind aber einige sehr davon überzeugt, dass es deutlich ambitionierter ist als das, was wir jemals stemmen können. Ohne weitere Mittel und weiteres Personal wird das alles, denke ich, nicht machbar sein – und auch nicht, ohne dass sich der Bund, also das Verkehrsministerium auf Bundesebene, deutlich bewegt. Ich als junge Person, die gerne auch in Zukunft noch gut leben möchte, habe eher das Gefühl, dass wir noch die ganz große Nummer drehen müssen. Aber das ist auf kommunaler Ebene schwierig. Außerdem sehe ich ein großes Delta zwischen den Problemen, die wir haben, und der Geschwindigkeit, mit der wir Lösungen umsetzen können.

Der Handlungsdruck ist also riesig und verschiedene Stellschrauben bei der Umsetzung greifen nicht richtig?

Ja, viele Planungsprozesse werden immer länger und komplizierter. Und es gibt immer mehr Anforderungen, die alle berücksichtigt werden müssen. Das alles geschieht mit gutem Recht, weil all das wichtig ist, aber das macht es in der Summe schwieriger und in der Umsetzung kompliziert. Auch glaube ich, dass wir hier ein so hohes Wohlstandsniveau haben, dass jede drohende Veränderung extrem schnell Ängste schürt. Und diese Grundangst vor der Veränderung ist sehr bremsend. Ich glaube, wir brauchen sehr mutige Schritte. Dass das nicht ohne Konflikte geht, ist klar, und da müssen sich viele Leute, glaube ich, noch überwinden.

Ist das Eintreten für solche Ziele Ihrer Ansicht nach eine Generationenfrage?

Ich habe schon das Gefühl, dass es ein Generationenthema ist. Meine Generation ist extrem im Wohlstand aufgewachsen, aber gleichzeitig mit der Nachricht, dass es an unendlich vielen Stellen Probleme gibt. Im Grunde haben wir das Bild im Kopf, dass eigentlich die Welt untergeht, und das bringt für uns eine Riesen-Verantwortung mit sich. Und ich glaube, wir müssen jetzt die Kritik daran üben, wie die Generation jetzt gelebt hat – was wahrscheinlich immer so ist, wenn ein Generationswechsel stattfindet. Deshalb ist es auch ganz wichtig, dass viele junge Leute mit den richtigen Überzeugungen, von denen sie sich auch nicht abbringen lassen, in die Verwaltung kommen und hier ihre Arbeit machen.

In Freiburg ohne Auto leben – ist das überhaupt möglich?

40 Prozent aller Haushalte in der Stadt leben schon ohne Auto, nur 60 Prozent der Haushalte haben ein privates Fahrzeug angemeldet. Der Mythos „Jeder Haushalt braucht ein Auto“ stimmt also nicht. Und autofreies Leben ist in Freiburg auf jeden Fall möglich, gerade weil wir hier viele Möglichkeiten haben, je nach Situation, Lust und Laune von A nach B zu kommen. Die VAG stellt ein wunderbares Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln bereit – Stadtbahn, Busse, Frelo mit den normalen und mit den Lastenfahrrädern –, dann haben wir das private Fahrrad und auch immer mehr E-Bikes, mit denen auch längere Strecken möglich sind. Es gibt die Sharing-Angebote – 300 E-Scooter, 70 E-Roller, und wir haben ein extrem gutes und großes Carsharing-Angebot, bei dem man zur Not auch mal ein Auto ausleihen kann.

Ihr Wunsch für Freiburg 2030?

Mein Wunsch ist, dass wir die Dinge mutig umsetzen und 2030 besser dastehen als jetzt. Und ich habe eine gewisse Hoffnung, dass die Welt doch nicht untergeht. Auch wünsche ich mir, dass in allen Köpfen einfach drin ist, dass ich mit einem privaten Auto, das viel Platz braucht und viel CO2 und andere Schadstoffe emittiert, nicht einfach machen kann, was ich will – zumindest nicht in der Stadt.

Drei Fragen an… Martin Haag

Martin Haag ist seit 2011 Baubürgermeister von Freiburg. Zuvor leitete der promovierte Diplomingenieur als Professor den Bereich Verkehrswesen der Technischen Universität Kaiserslautern sowie das Freiburger Tiefbauamt.

Baubürgermeister Martin Haag

Baubürgermeister Martin Haag

Welchen Stellenwert hat der Klimamobilitätsplan für Freiburg?

Der Plan wird die Verkehrspolitik der Stadt in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Mit dem Ausbau des Stadtbahn-, Bus- und Radnetzes und vielen weiteren Vorhaben wird seine Umsetzung eine echte Herausforderung. Da die Stadt dabei auf die Unterstützung des Landes zählen kann, ist er aber in erster Linie eine große Chance.

Freiburg und seine Bewohner_innen sind besonders klimabewusst unterwegs, weil…

…wir in der Stadt schon heute viele Möglichkeiten haben, unsere Ziele zu Fuß, mit dem Rad oder den Bussen und Bahnen der VAG zu erreichen. Ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein hat bei den Menschen in Freiburg ohnehin Tradition. Daran orientieren wir uns auch bei der Arbeit an einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Mobilität.

Wie sieht der Verkehr anno 2030 in Freiburg idealerweise aus?

Der Verkehr muss endlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, aber auch für mehr Verkehrssicherheit und eine gerechtere Verteilung des öffentlichen Raums sorgen. Die notwendigen Schritte werden nicht überall auf Zuspruch stoßen. Umso wichtiger ist es, Interessen abzuwägen und Maßnahmen sozialverträglich zu gestalten. Wenn dieser Spagat gelingt, kommen wir meiner Idealvorstellung für das Jahr 2030 sehr nahe.

Dieser Beitrag stammt aus dem Kundenmagazin Facetten, Ausgabe 4/2022. Fotos von Anja Limbrunner.

 

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