Warum auch Straßenbahnen auftanken müssen

Tanken? Das müssen doch nur Autos, LKW und Busse? Falsch, denn auch bei Straßenbahnen wird jeden Tag die Zapfpistole gezückt. Nur dass aus dieser kein Kraftstoff herauskommt, sondern Sand. Ja, richtig gelesen: Sand. Was sich anfangs für den ein oder anderen vielleicht etwas primitiv und paradox anhört, kann bis heute ein wahrer Lebensretter sein.

Kein Schienenfahrzeug auf dieser Welt kommt ohne Bremssand aus. Von der historischen Tram bis hin zum hochmodernen ICE, der mit bis zu 300 km/h durch die Landschaft schneidet. Sie alle benötigen in bestimmten Situationen Sand um zum Stehen zu kommen. Und das hat was mit ihrer Konstruktion zu tun: Straßenbahnen fahren mit ihren Stahlrädern auf Stahlschienen, was an sich eigentlich eine hervorragende Kombination ist, die mit Laufruhe und geringem Rollwiderstand besticht, jedoch kann diese Kombination manchmal schwer zu bändigen sein.

Das ist der Fall, wenn die Schienen rutschig sind, z. B. durch feuchtes Laub im Herbst oder einsetzenden Regen. Die Reibung zwischen Stahlrädern und Stahlschienen ist physikalisch bedingt nämlich viel geringer als bei gummibereiften Fahrzeugen auf griffigem Asphalt. Bei guten Schienenverhältnissen ist das noch kein Problem, doch wenn diese schmierig und rutschig werden, blockieren die Räder beim Bremsen sehr leicht. Die Bahn schlittert im wahrsten Sinne des Wortes über die Schienen (im Fachjargon „gleiten“ genannt), der Bremsweg verlängert sich um ein Vielfaches. Und hier schreitet oftmals der Bremssand zur Heldentat.

Die Bahn erkennt dieses Gleiten durch Sensoren, die registrieren, dass sich plötzlich manche Räder nicht mehr weiterdrehen und stillstehen. Um dem entgegenzuwirken und den Rädern wieder Haftung zu verschaffen, wird automatisch Bremssand oben auf die Schiene gestreut. Der Bremssand wird in Vorratsbehältern in der Bahn gelagert und über Rohrleitungen nach unten zum Fahrwerk geleitet. Das Rohr endet in Fahrtrichtung immer direkt vor dem jeweiligen Rad. So kommt der Sand punktgenau dosiert zu seinem Einsatzort. Durch den Sand wird die Oberfläche der Schiene rauer und griffiger, die Räder bekommen wieder Grip und die Bremskraft kann wieder voll entfaltet werden.

Steuerdisplay im Betriebshof

Auch beim Anfahren kann Sand hilfreich sein. Wenn die Schienen rutschig sind, kann die Bahn z. B. beim Versuch eine Haltestelle zu verlassen, auch ihre Schwierigkeiten haben. Hier kann es passieren, dass die Räder wieder die Haftung verlieren und durchdrehen, der Fachbegriff hierfür ist „schleudern“. Auch das erkennt die Bahn und gibt automatisch wieder etwas Sand auf die Schienen, damit die Räder wieder Haftung finden.

Bei aller Automatik und Technik können die Straßenbahnfahrer*innen jedoch auch jederzeit manuell über einen Knopf oder Hebel im Fahrerstand Sand auf die Schienen streuen, wenn sie das für nötig halten und haben so immer die Kontrolle über die Bahn.

Stadtbahn wird besandet

Besandungsschlauch

Um sicherzugehen, dass immer genügend Sand an Bord ist, wird dessen Füllstand und die Funktion der Sandstreuer täglich morgens vor der Ausfahrt aus dem Betriebshof von den Fahrerinnen und Fahrern überprüft und abends, wenn die Bahnen wieder in den Betriebshof einfahren, wird der Sandvorrat stets aufgefüllt.

Auf dem Betriebshof der VAG werden über 20 Tonnen Bremssand in zwei Silos geschützt vor Feuchtigkeit aufbewahrt. Über ein weit verzweigtes Rohrsystem gelangt der Sand schließlich zu den einzelnen Besandungsstationen.

Sandsilo

Besandungsstation

Übrigens: Der geneigte Fahrgast kann bei den Bahnen der Typen „GT8Z“ und „Combino“ auch selber den Sandvorrat überprüfen. Diese beiden Bahnen verfügen nämlich über Schaugläser im Fahrgastraum, anhand dieser das Fahrpersonal den Füllstand mit einem Blick überprüfen können. Schon entdeckt?

Artikel und Fotos wurden von unserem Auszubildenden Robert Blischke erstellt, der sich im 3. Lehrjahr zur Fachkraft im Fahrbetrieb befindet.

Ein Kommentar

  1. Ich habe diese Sandbehälter auch schon gesehen und durch das Schauglas den Füllstand sehen können. Einmal sah ich an einem Combino, dass die Sandklappe offenstand und verständigte die Fahrerin, die sofort hinauseilte und die Klappe verriegelte. Sie bedankte sich bei mir und stieg wieder ein. Das war am Europaplatz. Wenn der GT8Z sandelt, hört man ein charakteristisches Brummen. Einmal erlebte ich eine Notbremsung. Das Brummen war zu hören neben dem lautstarken Bremsgeräusch mit dem Knall-Ton der Magnetschienenbremse. Ein Auto war bei Rot eingefahren und zwang den Fahrer zur Vollbremsung. Der Autofahrer machte sich aus dem Staub. Ich gab dem Fahrer das Kennzeichen und er verständigte die Leitstelle. Eine ältere Dame stürzte und ich half ihr auf den Sitz. Ich bat sie, zum Fahrer zu gehen und ihm zu sagen, dass sie was abgekriegt hatte und trug ihr auf, ihren Hausarzt sofort aufzusuchen. Sie kam halbwegs mit dem Schrecken davon. Den Autofahrer ermittelte man später und ich erfuhr von einem befreundeten Rechtsanwalt, dass der Vater eine sehr einflussreiche Persönlichkeit sei. Der Ausgang der Geschichte ist mir nicht bekannt.
    Als der Betriebshof ganz neu und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, sah ich auch die Füllanlage für den Sand, die zu Vorführzwecken eine Straßenbahn frisch befüllte. Ein Angestellter erklärte genau, wie das funktioniert. Damals beeindruckte mich die große Abstellhalle. In dieser verlor sich ein einsamer GT8, was mich faszinierte.

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