Woher weiß die Straßenbahn eigentlich, wohin sie fahren muss?

Eine Straßenbahn fährt auf Schienen, klar. Ihr Fahrweg ist deswegen auch fest vorgegeben und es muss niemand an einem Lenkrad drehen. Logisch! Aber dennoch gibt es einige Stellen in unserem Stadtbahnnetz, an denen sich tagtäglich folgende Frage stellt: Links, rechts oder geradeaus?

Die Weiche macht´s

Jeder, der schon einmal am Bertoldsbrunnen war, kennt folgende Szene: Vier verschiedene Stadtbahnlinien kommen aus Richtung Stadttheater. Die Linie 1 schneidet geradeaus über den Bertoldsbrunnen in Richtung Littenweiler, die Linie 4 dagegen biegt wie immer links in Richtung Zähringen ab und kurz danach legen sich die Linien 2 und 3 geschmeidig in die Rechtskurve zum Martinstor. So starr der durch die Schienen festgelegte Fahrweg auch sein mag, so flexibel ist er an genau dieser Stelle. Ermöglicht wird das durch ein wichtiges Element: Die Weiche.

Für Straßenbahnen und andere Schienenfahrzeuge sind Weichen die einzige Möglichkeit, den Fahrweg zu ändern. Während ein Auto jederzeit an (theoretisch) jeder Kreuzung in eine (theorethisch) beliebige Richtung abbiegen kann, kann die Straßenbahn das nur an ausgewählten Stellen. Und bis es soweit ist, bedarf es einiger Technik und Kommunikation.

Starr und dennoch beweglich

Herzstück einer Weiche sind die sog. Weichenzungen. Diese sind beweglich und ermöglichen es deshalb, von einem Gleis auf ein anderes zu wechseln. Je nachdem, in welcher Lage sich diese Weichenzungen befinden, bleibt die Bahn auf ihrem Gleis oder wechselt auf ein anderes. Die Weichenzungen werden je nach Bauart der Weiche entweder durch Muskelkraft oder mit einem Elektromotor bewegt. Handbetätigte Weichen sind in der Regel sog. Umsetzweichen, die es erlauben, z. B. im Störungsfall die Fahrtrichtung auf der Strecke zu ändern und aufs Gegengleis zu wechseln. Diese sind im gesamten Streckennetz verteilt.

Weichenzungen: Sie sind beweglich und geben der Bahn die Richtung vor.

Weichen, die sich an wichtigen Schlüsselpunkten im Liniennetz befinden, wo also z. B. die eine Linie geradeaus fährt und die andere nach rechts abbiegt, sind hingegen immer elektrisch. Und das hat einen guten Grund: Nur so sind sie auch aus der Ferne, also von der Bahn aus verstellbar. Sonst müsste ja der oder die Fahrer*in jedes Mal vor der Weiche anhalten, aussteigen und diese von Hand stellen.

Völlig drahtlos

In einem gewissen Abstand vor der Weiche, dem sog. Weichenkontakt (erkennbar an einem blauen Schild mit einem weißen „W“ darauf) befindet sich eine Koppelspule, die im Boden zwischen den Schienen eingelassen ist. Die Koppelspule ist im Prinzip eine Antenne, die Signale empfangen kann (Empfangsspule).

Empfangsspule: Auf Höhe des Weichenkontakts ist die Empfangsspule zwischen den Schienen eingelassen.

Sie ist mit der dahinter befindlichen Weiche verbunden. Die Straßenbahn verfügt über das Gegenstück, das ein Signal ausstrahlt (Sendespule).

Sendespule am Fahrzeug. Die Sendespule befindet sich immer vorne an Unterseite der Bahn.

Dieses Signal enthält die Information, in welche Richtung die Weiche gestellt werden soll, der sog. Stellbefehl. Dieser wird von der Koppelspule aufgenommen und verarbeitet, die Weiche wird dann automatisch in die gewünschte Richtung gestellt. Die Straßenbahn sagt der Weiche also vereinfacht gesagt z. B.: „Hey ich bin die Linie 3, ich muss da vorne rechts abbiegen.“ Das Signal, das die Straßenbahn ausstrahlt, ist zusammen mit dem Fahrplan im Bordcomputer hinterlegt und wird automatisch eingestellt und gesendet. Sobald die Weiche gestellt ist und korrekt anliegt, leuchtet das Stellsignal auf. Mittels Pfeilen zeigt es an, in welche Richtung die Weiche gestellt ist.

Das Stellsignal zeigt an, in welche Richtung die Weiche gestellt ist, hier z. B. nach links.

Induktive Weichensteuerung

Im Fachjargon nennen wir das bei uns „Induktive Weichensteuerung“, kurz IWS. In der IWS sind verschiedene sog. IWS-Kennungen hinterlegt. Jede Stadtbahnlinie hat ihre eigene Kennung, die aus einer Zahl besteht. So hat beispielsweise die Linie 1 auch die Kennung „1“. Ist diese Kennung eingestellt, stellen sich alle Weichen entlang der Strecken so, dass auch die Linie 1 tatsächlich abgefahren wird. Jede Kennung steht für einen vorher programmierten Fahrweg und anhand der jeweiligen Kennung weiß die Weiche also immer, in welche Richtung sie sich stellen soll, damit die Bahn an ihr Ziel kommt. Für bestimmte Szenarien, z. B. bei Betriebsstörungen, gibt es noch weitere spezielle IWS-Kennungen, die auch von den regulären Linien abweichende Fahrwege erlauben und im Bedarfsfall verwendet werden können.

Die IWS-Kennung kann im Störungsfall, sowohl vom Fahrer*in, als auch per Mausklick von der Leitstelle aus jederzeit geändert werden, wenn die Bahnen einen abweichenden Fahrweg nehmen müssen. Darüber hinaus kann eine Weiche per Pfeiltasten am Bordcomputer abweichend von der IWS-Kennung in eine andere Richtung gestellt werden, als es die IWS-Kennung vorgibt, falls das notwendig sein sollte. Der Knopfdruck auf die Pfeiltasten hat in dem Fall technisch gesehen Vorrang vor der eingestellten IWS-Kennung.

Zweigleisig fahren? Ausgeschlossen!

Doch was passiert eigentlich, wenn am Bertoldsbrunnen die Linie 4 gerade links herumfährt und von hinten sich bereits die Linie 2 annähert und über den Weichenkontakt fährt, während die Linie 4 sich noch auf der Weiche befindet? Fährt der eine Teil der Bahn dann nach links und der andere plötzlich nach rechts wie die Linie 2?

Nein, soweit kann es gar nicht erst kommen, denn dieses Szenario wäre absolut fatal und würde große Schäden verursachen. Die Weichenanlage verfügt nämlich über einen Sicherungsmechanismus: Sobald eine Bahn über die Koppelspule fährt und die Weiche in die entsprechende Richtung gestellt wird, wird die gesamte Anlage für den nachfolgenden Verkehr gesperrt. Am Weichenkontakt befindet sich dafür ein Signal, das entweder ein „W“ oder einen waagrechten Balken anzeigen kann.

Zeigt das Signal ein „W“ an, ist die Anlage betriebsbereit und kann befahren werden, ein waagrechter Balken bedeutet „Halt, eine Bahn befindet sich noch auf der Weiche“.

Freie Fahrt: Die Weichenanlage ist betriebsbereit und kann in jede Richtung verstellt werden, das Stellsignal ist dunkel.

Das Signal am Weichenkontakt zeigt für die nachfolgenden Bahnen „Halt“.

Solange ein waagrechter Balken angezeigt wird, darf die nächste Bahn nicht über die Koppelspule fahren. Sollte das dennoch passieren, wird die Anlage den gesendeten Stellbefehl einfach ignorieren und lässt die Weiche in der Stellung, in die das vorherige Fahrzeug sie gestellt hat. So kann nichts passieren, außer dass die nachfolgende Bahn höchstens in die falsche Richtung abbiegt. Das ist übrigens der Grund, wieso gerade an stark befahrenen Stellen wie dem Bertoldsbrunnen eine Bahn manchmal scheinbar ohne Grund stehen bleibt: Das Fahrzeug vorher hat nämlich noch nicht die Weiche verlassen und die Weichenanlage verbietet die Einfahrt.

Text und Fotos: Robert Blischke, Azubi zur Fachkraft im Fahrbetrieb im 3. Lehrjahr

4 Kommentare

  1. Mich würde interessieren, ob es schon mal vorkam, dass eine Bahn falsch abgebogen ist? Und was passiert in diesem Fall: Rückwärts fahren? Oder gilt dann die Bahn für den restlichen Fahrweg als „ausgefallen“?

    • Magdalena Schneider

      Fehler passieren natürlich ab und zu mal. Aber die Kolleginnen und Kollegen von der Leitstelle und aus dem Fahrdienst finden dann gemeinsam eine schnelle Lösung, damit die Bahn wieder „auf Kurs“ kommt. So ein „Fehler“ hat aber äußersten Seltenheitswert 🙂 und kommt so gut wie nie vor. Viele Grüße

  2. Wolfgang Dinger

    Kompliment an den Azubi Robert Blischke. Er hat einen sehr informativen und die technischen Prozesse gut beschreibenden Text gemacht.

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