13. Sep. 2025 - 10:15 Uhr
Als erste Frau fuhr Ruth Bauer in Freiburg ab 1987 Bus – in einer Branche, die bis dahin fest in Männerhand war. Drei Jahrzehnte war sie für die VAG unterwegs. Wir haben sie gesprochen.
Busfahrerinnen? Früher oft undenkbar, die Branche war eine Männerdomäne. Immer wieder wird das darauf zurückgeführt, dass die damaligen Busse ohne Servolenkung oder Bremskraftverstärker viel Muskelkraft benötigten. Viele Männer mussten damals aufstehen, um das Lenkrad zu bewegen, wenn sie den Bus von der Stühlinger Brücke kommend über den Kreisverkehr zum Bahnhof steuerten.
Anders bei der Straßenbahn: Fahrkurbel und Bremsrad gingen leichter. Trotzdem ließ man Frauen nur zu Kriegszeiten in den Führerstand einer Straßenbahn, als die Männer eingezogen waren. Unmittelbar nach dem Krieg übernahmen die Männer wieder das Steuern der Bahnen und die Frauen wurden zu Schaffnerinnen degradiert.
In Freiburg entschieden sich die Verantwortlichen der VAG erst Ende der Achtziger Jahre, Frauen als Fahrerinnen zum Fahrdienst zuzulassen. Die letzten Schaffnerinnen waren zehn Jahre zuvor aus dem Fahrdienst ausgeschieden.
Am 1. Juli 1987 wurde mit Ruth Bauer die erste Straßenbahn- und Busfahrerin bei VAG eingestellt. Damals gefeiert als die erste Straßenbahnfahrerin in Freiburg, eine Auszeichnung, die allerdings nur für die Zeit nach dem Krieg korrekt ist. Viel wichtiger, aber meist übersehen, war die Tatsache, dass Ruth Bauer als erste Busfahrerin den Dienst begann. Nur wenige Tage nach ihrer Einstellung ab dem 06. Juli 1987 war Ruth Bauer beim SEV zwischen Okenstraße und Zähringen im Einsatz.
Die Ausbildung als Straßenbahnfahrerin erfolgte bei der VAG im inzwischen schon lange ausrangierten Fahrschulwagen Nr. 401 natürlich noch an der Kurbel. Den Busführerschein, damals Voraussetzung für die Einstellung in den Fahrdienst, hatte Ruth Bauer privat 1981 erworben und bei einem privaten Busunternehmen Erfahrung im Linienverkehr gesammelt. Nach 33 Jahren an Kurbel, Sollwertgeber und Lenkrad ist Ruth Bauer 2020 in den Ruhestand getreten, die erste Straßenbahnfahrerin nach dem Krieg und die erste Busfahrerin überhaupt, die bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Freiburg im Linienverkehr im Einsatz war.

Ruth Bauer ist eine Frau mit vielen verschiedenen Ausbildungen, Fähigkeiten und Hobbys. Sie hat sich in einer ehemals männerdominierten Branche durchgesetzt: 1987 wurde sie die erste Busfahrerin in der Geschichte der Freiburger Verkehrs AG. Mit ihrem Engagement, ihrer Liebe zur Technik und ihrer Ausdauer hat sie Geschichte geschrieben. Ihr Markenzeichen war das Schaffell, das sie immer mit sich trug und das ihr als Sitzunterlage diente. Frau Bauer ist 33 Jahre lang für die VAG am Steuer gesessen.
Ich glaube, das ist schon immer in mir drin gewesen. Schon als Kind wollte ich immer vorne beim Busfahrer sitzen. Technik hat mich immer schon fasziniert. Mein Vater arbeitete in der Kfz-Branche.
Ja, in einer Renault-Werkstatt machte ich eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Es war eine kleine Werkstatt und so kam es, dass ich auch im Ersatzteillager gearbeitet habe.
Ein Jahr nach der Ausbildung wechselte ich in der Möbelbranche als Sachbearbeiterin. Zuletzt war ich noch im Kfz-Teile-Großhandel tätig. Aber der Wunsch, Busfahrerin zu werden, hat mich nie losgelassen.
In Lörrach gab es damals die erste Frau hinter einem Bus-Lenkrad. Von ihr erfuhr ich, wo sie den Busführerschein erworben hatte. Ihrem Beispiel folgend bin ich dafür dann nach Freiburg. In Lörrach gab es noch keine Fahrschule mit Busausbildung. Damals benötigte man zum Erwerb des Busführerscheins einen LKW-Führerschein. Beide Ausbildungen absolvierte ich bei der Freiburger Fahrschule Zelenka.
Nach Freiburg kam ich nach Abschluss der Busausbildung. Bei einem privaten Busunternehmen wurde kurzfristig eine Stelle als Busfahrerin frei.
Aufgrund eines Zeitungsartikels in der Badischen Zeitung am 07. Februar 1987: „Sollen Frauen auch Straßenbahn fahren?“ Nach einem Telefonat am 09. Februar 1987 mit der Verkehrs AG gab ich am 13. Februar 1987 meine Bewerbung im Betriebshof Süd ab. Am 01. Juli 1987 wurde ich eingestellt. Zuerst wurde ich beim Schienenersatzverkehr eingesetzt zwischen der Okenstraße und Zähringen.

Ja, genau. Das war meine Sitzunterlage. Ich fand das so einfach angenehmer. Schließlich war der Fahrersitz mein Arbeitsplatz und den soll man sich angenehm gestalten. Im Laufe der Jahre habe ich drei Felle durchgesessen. Natürlich sind die auch regelmäßig in die Reinigung gekommen.
Anfangs war es nicht so einfach. Man traute einer Frau nichts zu. Trotzdem war es für mich kein großes Problem. In früheren Arbeitsstellen war ich zeitweise auch die einzige weibliche Mitarbeiterin.
Nein, wirklich nicht. Es gab noch keine Dienstkleidung für Frauen, nur für Männer. Ich musste mir die passende Dienstkleidung selbst zusammensuchen. Dafür habe ich Farbmustervorgaben bekommen, nach denen ich mich richten musste. Es war nicht ganz einfach, die passenden Teile wie Rock, Dienstbluse und Jackett zu finden.
Es gab auch keine Damentoiletten in den Sozialräumen, also musste ich notgedrungen immer die Herrentoiletten benützen.
Ja. Schon als Kind hat mich der Schienenverkehr fasziniert. Den Geruch der Dampflokomotive aus meiner Kindheit habe ich heute noch in der Nase. Meine Modelleisenbahn existiert heute noch. Es ist bei der VAG üblich Bus und Straßenbahn zu fahren. Heute wäre mein Traum, einen ICE selbst zu steuern.

Oh ja. Die Fahrgastzahlen sind mit Einführung der Regio-Karte 1991 mächtig gestiegen. Auch die Zahl der Fahrradfahrer ist deutlich gewachsen, was den Bussen und Straßenbahnen manchmal das Leben schwer macht. Bei den Fahrzeugen gab’s technische Entwicklungen. Von der Kurbel über Geamatic zum Sollwertgeber. Ein halbes Jahr vor meiner Rente kamen die ersten Elektrobusse auf den Betriebshof. Diese Fahrzeuge habe ich nicht mehr gefahren.
Mit den Fahrgästen hatte ich kaum Probleme. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Einmal hatte ein Fahrgast ein Problem mit mir: Bei der Haltestellenansage – die kam damals noch nicht vom Band, sondern direkt von der Fahrerin – hörte er meine Stimme und sprang empört auf: „Mit einer Frau fahre ich nicht“, rief er und stieg aus. Er wird wohl länger für seine Fahrt gebraucht haben, denn im nächsten Fahrzeug saß wieder eine Kollegin an der Kurbel.
Text: Thomas Ruff/Andreas Hildebrandt
Fotos: privat/Andreas Hildebrandt

Birgit
16.09.2025 um 08:03 Uhr
Liebe Ruth, ich erinnere mich an deine Einstellung, der Fahrdienst VAG war damals eine Männerdomäne. Du bist engagiert und souverän deinen Weg bei VAG "gefahren". Alles Gute für dich. (Danke für diesen tollen Artikel)

Kavia
13.09.2025 um 13:54 Uhr
Stimme dem vollkommen zu

Tuana Mustafa
13.09.2025 um 11:09 Uhr
Wow einfach nur wow ich bin fasziniert beste Gesundheit vunf Glück ihn ihrem Leben noch mein neues Vorbild 🥲❤️
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