125 Jahre Straßenbahn in Freiburg: 12,5 Anekdoten zum Jubiläumsjahr

Uhr 05. Feb. 2026 - 14:00 Uhr

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Freddy Greve

VAG Freiburg

Warum werden Straßenbahnen Hobel genannt und manche Sputnik? Durch wie viele Stadtteile fahren die Stadtbahnen? Spannende Geschichten zur Stadtbahn-Historie.

12,5 Geschichten zu 125 Jahre Straßenbahn in Freiburg

In einem Vortrag von 1899 stellte der Freiburger Stadtrath die innovativen Pläne vor.
  1. Strom und Straßenbahn kommen gleichzeitig
    Am 8. Mai 1899 beschloss der Stadtrat nicht nur, eine „zentrale Licht- und Kraftanlage“ zu bauen, sondern auch die Straßenbahn einzuführen. Freiburg bekam damit gleich zwei moderne Errungenschaften auf einmal: elektrisches Licht und elektrischen Schienenverkehr. Architektonisch lässt sich dieser Zusammenhang noch heute erkennen: Der historische Betriebshof in der Urachstraße und das E-Werk in der Eschholzstraße ähneln sich im Bau unverkennbar.
  2. Holzschlitten auf Rädern
    Die ersten Wagen sahen aus wie riesige Holzkisten und hießen schnell „Hobel“. Der Spitzname kommt nicht von den Fahrgästen, sondern vom Material – fast alles außer dem Fahrgestell bestand damals aus Holz. Manch Freiburger nennt die modernen Straßenbahnen auch heute noch „Hobel“.
  3. Cabrios für die Bürger*innen
    Zur Eröffnung 1901 setzte man auf Komfort – drei offene Beiwagen, die Sommer-Cabrios der Straßenbahn, fuhren Richtung Günterstal. Die Damen genossen frischen Fahrtwind, die Herren die Aufmerksamkeit. Aber schon 1918 war Schluss mit dem offenen Fahrspaß.
  4. Schienen durchs Stadttor
    Lange konnten die Straßenbahnen das Schwabentor nur einseitig durchfahren. Die auswärts fahrenden Wagen mussten einen Umweg machen. Freiburg hat mit dem Schwaben- und Martinstor zwei von vier Stadttoren Deutschlands, die tatsächlich von einer Straßenbahn passiert werden. Auch in Karlsruhe fahren Straßenbahnen durchs Stadttor – das Durlacher Tor.
  5. Strecke nach Günterstal wächst
    Ende der 1980er verlängerte die VAG die Strecke in Günterstal vom Klosterplatz zur Dorfstraße. So wurde die Linie 21 Richtung Schauinslandbahn besser angebunden. Auch das historische Wartehaus von 1901 zog um und steht heute an der neuen Endhaltestelle.
  6. Barrierefreiheit auf Schienen
    Seit Februar 2025 fahren alle Stadtbahnen mit mindestens einem barrierefreien Zugang. Während Freiburg so einen modernen Standard erreicht hat, müssen Fahrgäste in vielen anderen Städten noch bis in die 2030er Jahre auf einen ebenerdigen Zustieg warten.
  7. Sicher über die Gleise
    Schon vor der ersten Fahrt am 14. Oktober 1901 warnte eine Zeitung die Bevölkerung: „Beim Überqueren der Gleise immer auf die heranfahrende Bahn achten.“ Damals ein überlebenswichtiger Hinweis, heute eine Selbstverständlichkeit.
  8. Farbe bringt Orientierung
    1921 bekamen die Linien 1 bis 6 feste Farben. Nach einigen Jahren ohne Zuordnung blieben Grün und Blau bis heute den Linien 2 und 5 treu – ein kleiner, beständiger Farbtupfer in der langen Geschichte.
  9. Trotz Krieg auf den Schienen
    Im Zweiten Weltkrieg strich man aus Energiespargründen viele Haltestellen, etwa zwischen Siegesdenkmal und Klosterplatz. Viele Straßenbahnen wurden während des verheerenden Bombenangriffs am 27. November zerstört. Vollständig zum Erliegen kam der Stadtbahnverkehr allerdings nur vom 15. April bis 25. Mai 1945. 1950 fuhren alle Bus- und Straßenbahnlinien wieder uneingeschränkt.
  10. Sputnik auf Rädern
    Die GT4-Wagen waren anfangs eine Sensation: Gelenke, elektronische Türen und ein fester Schaffnerplatz. Wegen ihres futuristischen Designs nannten die Fahrgäste den Fahrzeugtyp aus dem Jahr 1959 nach dem berühmten Satelliten „Sputnik“ – der Name blieb populärer als die offizielle Typenbezeichnung.
  11. Kleine technische Revolution
    Die späteren GT8 „Typ Freiburg“-Stadtbahnwagen brachten die Kapazität von zwei Gelenkbussen in ein Fahrzeug. Die mittleren Drehgestelle kamen unter das mittlere Segment – eine ungewöhnliche Lösung. Modernen Niederflurwagen diente dies als Vorbild.
  12. Generalverkehrsplan sichert Zukunft
    1969 beschloss der Stadtrat den Ausbau zur Stadtbahn. Ohne diesen Schritt wäre die Straßenbahn stillgelegt worden. Heute verbindet sie fünf Linien mit 20 von 28 Stadtteilen und zeigt, wie historische Infrastruktur und moderne Mobilität zusammenpassen.

    12,5 Grün, Gras und Gleise
    Die meisten Strecken in Freiburg verlaufen auf einem eigenen Gleiskörper, oft als Rasengleis. Vorrangschaltungen an Kreuzungen sorgen für schnelle Fahrten. Freiburgs Straßenbahn verbindet so Geschichte, Komfort und Effizienz. Und so hoch wie in Freiburg ist der Rasengleisanteil in keiner weiteren Stadt in Deutschland.
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Fotos: Anja Thölking/VAG-Archiv/Stefanie Heizmann
Text: Stephan Stratmann/Jerome Luge/Jens Dierolf


Kommentare:

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Stefanie Walzinger
12.02.2026 um 22:57 Uhr

Das Trümmerbild zeigt den Bertoldsbrunnen von der Bertoldstraße aus in Richtung Salzstraße fotografiert. Links auf dem Foto das zerstörte Kapferer - Haus, in dessen Nachkriegsbau später das Modehaus Fabel war (Ecke Kaiser-Joseph/Salzstraße).

844

Liselotte
06.02.2026 um 15:45 Uhr

Hallo liebe VAG-Leute, schöne Fotos, aber leider ohne Bildunterschrift, besonders bei dem Trümmerbild wäre interessant wo das Foto aufgenommen wurde. Weiterhin gute Fahrt....

VAG Freiburg
08.02.2026 um 19:34 Uhr

Hallo Liselotte, Bei mehreren Aufnahmen lassen sich Ort und Zeitpunkt eindeutig zuordnen. Bei einzelnen Bildern fehlen uns Archivangaben, sodass die Einordnung auf Indizien basiert und mit entsprechender Zurückhaltung erfolgt. Das Bild mit dem Triebwagen mit der Nummer 50 zeigt die Haltestelle Hauptbahnhof in der Bismarckallee. Die Aufnahme entstand direkt vor dem provisorischen Bahnhofsgebäude und damit nach 1949. Der Triebwagen mit der Nummer 54 und dem Ziel Herdern ist vermutlich an der Kreuzung Engelbergerstraße / Eschholzstraße zu sehen. Der Blick geht aus der Engelbergerstraße in die Eschholzstraße. In dem Gebäude, in dem sich auf dem Foto ein Schreibwarenladen befindet, liegt heute ein Imbiss. Ein weiteres Bild mit dem Triebwagen mit der Nummer 54, diesmal mit dem Ziel Haslach, entstand in der Urbanstraße. An dieser Stelle befindet sich heute die Bushaltestelle Herdern Kirche. Das Foto mit den ehemaligen Oberbürgermeistern Rolf Böhme und Eugen Keidel zeigt die Eröffnung der Stadtbahn Landwasser im Jahr 1985. Die Aufnahme entstand auf der Bahnhofsbrücke. Viele Grüße und Danke an Stefanie Heizmann für die Hinweise.

843

Michael Tataryn
05.02.2026 um 20:20 Uhr

Ich kenne noch die Linien von Haslach nach Herden. An der Haltestelle Mühle habe ich gewohnt. Waren schöne Zeiten.