06. Aug. 2026 - 15:16 Uhr
Einmal im Jahr fährt die Schauinslandbahn bis um Mitternacht. Freiburgs Hausberg zeigt sich dann von seiner mystischen Seite. Und auf dem Berg ist der spektakuläre Sonnenuntergang beim Blick von der Panoramaterrasse nicht die einzige Attraktion. Ein Erfahrungsbericht von der Nachtfahrt.
Schon die Anfahrt lässt Urlaubsstimmung aufkommen. In etwa 20 Minuten ist man von der Innenstadt mit der Straßenbahnlinie 2 und der Buslinie 21 an der Talstation der Schauinslandbahn in Horben und mittendrin im Schwarzwald-Postkartenidyll. Von hier sieht man direkt, wo die Reise hingehen wird. Die parallel verlaufenden Drahtseile weisen den Weg nach oben: 3,6 Kilometer ist die Strecke lang, 746 Meter Höhenunterschied werden dabei überwunden.
Weil die Schauinslandbahn eine Umlaufseilbahn ist, sogar die längste Deutschlands, erklärt sich auch die halbrunde Form des hinteren Teils der Talstation: Links fährt die Gondel ins Haus hinein, rollt vom Seil auf die Schiene und wird dabei von den Zugseilen gelöst. Sie stoppt zum Aussteigen der Fahrgäste, dreht ihre halbe Runde, wird erneut in die Zugseile geklemmt, zurück aufs Tragseil befördert und kommt rechts wieder heraus. Ein permanenter Kreislauf. Schöner Nebeneffekt: Die Wartezeit auf die nächste Gondel ist wesentlich kürzer als bei Pendelseilbahnen.
Heute geht es schnell und wir, der Reporter und die Fotografin, können direkt in die nächste Kabine einsteigen. Auf dem Berg ist es meist sechs bis zehn Grad kühler, was man sich, aus der aufgeheizten Stadt kommend, schwer vorstellen kann. Nicht alle Gipfelstürmer haben daher eine Jacke dabei, die aber spätestens bei Einbruch der Dunkelheit nötig wird, um entspannt die Auszeit zu genießen.
Mit jedem Meter, den die Gondel hochgleitet, wird nicht nur die Talstation immer kleiner, sondern auch der Stress des Alltags und der Arbeitswoche. Als dann noch Gämsen am Hang auftauchen, seit den 1930er-Jahren gehören die trittsicheren Tiere zum Schauinsland, fragt man sich, was das noch toppen kann. Nach 18 Minuten wissen wir es: Der Blick von der Bergstation auf Freiburg und den Schwarzwald.
Das Wetter war schlechter angesagt, als es oben tatsächlich ist, und die vorbeiziehenden Wolken machen das Panorama noch spektakulärer und mystischer. Wer früh auf dem Berg ist, sichert sich einen der begehrten Hängesitze am Restaurant Bergstation, um die Blaue Stunde bei einem Drink von der Weinbar zu genießen.
Andere machen es sich auf den Steinbänken der Aussichtsplattform bequem, lassen den Blick ins Tal schweifen und verfolgen dabei die Akrobatik-Show von Steve Stergiadis alias Stevie Wheels, der auf seinem Rad gewagte Pirouetten dreht und jongliert. Auch die Sternfreunde Breisgau und das Sonnenobservatorium öffnen ihre Türen und geben den Besucherinnen und Besuchern Einblicke in die Arbeit der Sternwarte.
Neben der Terrasse der Bergstation gesellen wir uns zur „Schaffner-Tour“-Gruppe. Emil lässt mit Anekdoten aus seinem Schaffnerleben von den Anfängen der Schauinslandbahn bis in die 1980er-Jahre die Vergangenheit wieder aufleben. So erfahren wir, dass es zwei Dampfwalzen und einen riesigen Schlepper brauchte, um das 28 Tonnen schwere Stahlseil auf den Berg zu transportieren. Den Superlativ „erste Großkabinen-Umlaufseilbahn der Welt“ konnte sich die Schauinslandbahn bei der Eröffnung 1930 sichern. Da die Gondeln damals noch wesentlich größer waren und Platz für 23 bis 25 Fahrgäste boten, wurde auch schon mal eine kranke Kuh zum Tierarzt nach Günterstal transportiert, weil dessen Auto nicht ansprang, wie Emil zu berichten weiß.
Seitdem hat sich einiges verändert. Schaffner wie Emil, die früher in jeder Gondel mitfahren mussten, gibt es längst nicht mehr. Die Kabinen sind kleiner und für maximal sieben Personen ausgelegt, Kühe dürfen nicht mehr mit, dafür gegen Aufpreis Hunde oder Fahrräder.
Was für die Fahrgäste sonst unsichtbar bleibt, zeigt die Techniktour. Gemeinsam mit Betriebsleiter Igor Heinz geht unsere Gruppe ins Innere der Bergstation, wo das Herz der Schauinslandbahn schlägt. Vorbei am laut brummenden Drehstrommotor zur riesigen, gelblackierten Treibscheibe, die das Seil permanent in Bewegung hält und es auf maximal 4 Meter pro Sekunde (14,4 km/h) beschleunigen kann.
Im alten Fahrstand erklärt Heinz, wie die Gondeln früher manuell abgebremst und entkoppelt werden mussten. Heute geht es per Knopfdruck, digital überwacht und je nach Bedarf: Kommen viele Gäste, lassen sich weitere Gondeln aufsetzen, bis zu 30 können gleichzeitig unterwegs sein. Auf die Frage, was er am meisten an seiner Arbeit liebt, antwortet Heinz: „Die Abwechslung. Bei Wind und Wetter hier oben sein zu können und für die Streckenrevision auf die Stützen zu klettern, ist immer wieder ein unglaubliches Erlebnis.“
Draußen ist es dunkel geworden. DJ Hercules steht an den Plattentellern seines zur mobilen Disco umgebauten Ford-Transit-Oldtimers und liefert den passenden Soundtrack für die Nacht. „Look up in the sky“, singt Johnny Guitar Watson. Der Aufforderung kommen wir gerne nach. Die Lichter Freiburgs funkeln in der Ferne, am Horizont ist noch das Abendrot zu sehen. Sobald die Musik Pause macht, hört man das Zirpen der Grillen.
Eine Atmosphäre fast wie im Film, der heute noch ein würdiges Finale bereithält: die Rückfahrt durch die Dunkelheit. Als die Gondel die blau illuminierte Bergstation verlässt und auf Streckengeschwindigkeit beschleunigt, kommt für einen Moment sogar Achterbahnfeeling auf. Ein kurzes „Wow!“ geht durch die Kabine. Für eine Familie aus Freiburg, die mit an Bord ist, steht schon jetzt fest: „Das machen wir nächstes Jahr wieder.“
Text: Michael Quell, Fotos: Anja Thölking/Patrick Seeger
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