Ein Demo-Samstag in der Leitstelle: Auf alles vorbereitet

Uhr 11. Mai 2026 - 18:09 Uhr

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Freddy Greve

VAG Freiburg

Demonstrationen gehören zu Freiburg wie die Bächle und der SC. Fast jedes Wochenende gehen Menschen auf die Straße. Demos sind ein Grundrecht. Viele Proteste starten am Platz der Alten Synagoge. Genau dort kreuzen sich alle Straßenbahnlinien. Damit Fahrgäste trotzdem möglichst pünktlich ans Ziel kommen, heißt es in der Leitstelle: Überblick behalten und das Unkalkulierbare managen. Wir haben den Kolleg*innen über die Schulter geschaut - und eine Demo begleitet.

Bestes Freiburg-Wetter am Samstag nach dem Tag der Arbeit. Heute soll ab 15 Uhr der „Global Marijuana March“ durch die Innenstadt ziehen. 300 Hanffreunde, die sich für Marihuana-Fachgeschäfte und bundesweite Ausgabestellen einsetzen, erwartet der Veranstalter. Also ein eher kleiner Aufmarsch. Aber auch der hat Einfluss auf den Nahverkehr der VAG.

Laura an ihrem Arbeitsplatz in der VAG-Leitstelle.

11:00 bis 14:00 Uhr: VAG-Leitstelle vor der Demo

Verantwortlich in der Leitstelle sind an diesem Tag Verkehrsmeisterin Laura Kiefer und Verkehrsmeister Matthias Heil. Beide haben schon viele Veranstaltungen begleitet, von den „Corona-Demos“ 2021/2022 bis zu Massenprotesten gegen Rechts mit 30.000 Teilnehmenden. Heute also die Hanf-Demo.

Gemeinsam gehen sie die Route durch und besprechen mögliche Maßnahmen: „Eventuell müssen wir die Linie 3 am Europaplatz kappen“, sagt Matthias. So könne der Zug sicher von dort durch die Kajo marschieren. Genau vorhersagen lasse sich das zu diesem Zeitpunkt nicht. Jede Demo sei anders.

Um das Unkalkulierbare beherrschbarer zu machen, gibt es 84 vordefinierte Pläne mit über tausend Maßnahmen. Je nach Ereignis muss man sich für einen passenden Plan entscheiden und die darin enthaltenen Aktionen aus- oder abwählen. Automatisch werden dann Hinweistexte an den Displays der Haltestellen (Dynamische Fahrgastinformationen, kurz DFI) aufgespielt, Strecken gesperrt, Straßenbahnen umgeleitet. Ziel ist immer, „dass die Fahrgäste so wenig wie möglich von den Störungen mitbekommen“, betont Laura.

Die Verkehrsmeisterin setzt sich an ihr „Regiepult“. Sechs Monitore hat sie vor sich, um das Geschehen zu beobachten und einzugreifen. Im Hintergrund blickt sie auf weitere Großbildschirme, die Live-Bilder von den wichtigsten Haltestellen und Plätzen in der Stadt zeigen. Rechts neben ihr steht das DAKS-Telefon (Digitaler Alarm- und Kommunikations-Server). Drückt sie beispielsweise bei einem Unfall ohne Personenschaden die Taste „VU Stadtbahn ohne Pers.“, wird ihre Nachricht an mehrere Mitarbeiter*innen gesendet, die sofort wissen, was zu tun ist.

„Man muss sehr schnell Entscheidungen treffen“, beschreibt Laura die Herausforderungen ihres Jobs. „Vielleicht werden wir heute das ‚Strickmuster‘ sehen“, sagt sie. Der Bildschirm direkt vor ihr stellt alle Strecken und die Position der einzelnen Züge stilisiert dar. Werden Bahnen umgeleitet, zeigt eine Linie vom Fahrzeug zur neuen Soll-Position. Je mehr Linien sichtbar sind, desto mehr Fahrzeuge befinden sich nicht an ihrer vorgesehenen Position – sie sind also nicht im Takt. So entsteht ein Muster, das sich erst wieder entwirrt, wenn alles nach Plan läuft.

Welche Bahn ist zu spät. Auf den Monitoren kann Laura das erkennen.

Aus der Ruhe bringt Laura selbst das größte Chaos nicht: „Das musste ich nicht erst lernen, das war schon immer so“. Und wie zum Beweis kommt eine Funkmeldung: Straßenbahn 246 ist an der Eschholzstraße liegen geblieben. Die Handbremse, der sogenannte Federspeicher, lässt sich nicht mehr lösen. Telefone klingeln, das Zugsymbol auf dem Monitor ist jetzt hellrot, die Verspätung wächst. Laura spricht mit dem Fahrer, um Genaueres zum Standort und dem Fehler zu erfahren, und informiert den Funkwagen in der Nähe.

Der Schaden kann zum Glück schnell behoben werden, der Federspeicher wird manuell notgelöst. Die Bahn fährt ohne Fahrgäste zurück in die Werkstatt auf dem Betriebshof. Laura funkt an alle, dass die Strecke wieder frei ist. 15 Minuten Verspätung dokumentiert sie im System.

Die nächste Durchsage betrifft dann die Demo: Alle Fahrer werden über den Beginn in einer Stunde und den Laufweg informiert: Platz der Alten Synagoge > Belfortstraße > Wilhelmstraße > Bismarckallee > Friedrichstraße > Friedrichring > Kaiser-Joseph-Straße > Rempartstraße > Platz der Alten Synagoge.

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14:15 bis 16:00 Uhr: Abstimmung mit der Polizei und Begleitung der Demo

Zeit für einen Ortswechsel: Mit Verkehrsmeister Matthias geht‘s im E6, dem roten VAG-Einsatzfahrzeug, in die Innenstadt zum Platz der Alten Synagoge. Auch das gehört bei jeder Demonstration dazu: die direkte Abstimmung mit der Polizei.

„Bürger, lasst das Gaffen sein, reiht euch in die Demo ein“ schallt es zur Begrüßung vom Stand des „Deutschen Hanfverbands Freiburg“, den Organisatoren des Marsches. Musik und Parolen übertönen fast den Austausch zwischen Matthias und dem Einsatzleiter der Polizei. Doch schon der erste Blick über den fast leeren Platz lässt erahnen, worum es im Gespräch geht: 300 Menschen werden es nicht – vielleicht 30 sind gekommen. Gemeinsam mit dem Veranstalter wird entschieden: Die Gruppe kann losziehen, bleibt aber neben der Schiene, ohne dass es Sperrungen für die VAG gibt. Die zusätzlichen Einsatzkräfte der Polizei vom Bodensee können wieder umdrehen, heute reichen fünf Beamte zur Sicherung aus.

Mit Bob Marleys „One Love“ aus der Box auf dem Bollerwagen setzt sich der bunte Trupp in Bewegung, trifft unterwegs noch auf die eigentlich kleinere, heute aber mindestens gleich große Friedensdemo. In der Kajo fahren die Straßenbahnen links und rechts an der Gruppe vorbei, bevor es wieder zum Ausgangspunkt zurück geht.

Freundlicher Abschied von der Polizei – und ein Fazit, das auch den Hanffans gefallen dürfte: „So entspannt war es selten.“  

16:15 Uhr: Zurück in der Leitstelle

Auf Lauras Monitor ist viel Grün und wenig Rot zu sehen. Kein Strickmuster. Stattdessen müssen noch rund 200 Frelos, die am 1. Mai an der Wiwilibrücke stehen gelassen wurden, auf leere Stationen in der Stadt verteilt werden – auch das wird heute von der Leitstelle aus koordiniert.

Der Tag hinter den Kulissen der VAG endet mit der Erkenntnis, dass Erfahrung, Flexibilität und ausgeklügelte Prozesse das Unvorhersehbare managebar machen. Und selbst wenn Lauras nächste Schicht weniger ruhig werden sollte: Mit Taktgefühl und dem richtigen Plan wird sie die Bahnen und Fahrgäste der VAG zuverlässig ans Ziel lotsen.

Text: Michael Quell, Fotos: Michael Quell/ Trapeze


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