Barrierefreiheit: ÖPNV ohne Diskriminierung ist das Ziel

Uhr 06. Aug. 2025 - 09:23 Uhr

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Freddy Greve

VAG Freiburg

ÖPNV soll für alle da sein. Deshalb bauen wir Hürden ab. Um ein Höchstgmaß an Barriefreiheit zu erreichen,

Alle Menschen sollen die öffentlichen Verkehrsmittel der Freiburger Verkehrs-AG (VAG) nutzen können. Dafür möchten wir Hindernisse abauen und die Nutzung für alle so barrierefrei und zugänglich wie möglich gestalten. Wir arbeiten fortlaufend daran, noch bestehende Hürden zu erkennen und zu beseitigen, damit jede und jeder die Vorteile eines nachhaltigen und zuverlässigen ÖPNV uneingeschränkt genießen kann.

Wo steht die VAG in Sachen Barrierefreiheit?

Wir wollen mit offenen Karten spielen: Vieles ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon getan worden, manches braucht seine Zeit, und nicht alles, was gefordert wird und nicht alles Wünschenswerte ist am Ende auch erfüllbar. Wir sind selbstbewusst genug, um zu sagen, dass wir in Sachen Barrierefreiheit nicht schlecht aufgestellt sind. Zu Wahrheit gehört aber auch, dass für die VAG noch genug zu tun bleibt. Daran arbeiten wir.

Was sind die technischen Voraussetzungen für barrierefreien Nahverkehr?

Die Zugänglichkeit von Bussen und Straßenbahnen hat sehr viel mit technischen Gegebenheiten zu tun. Besonders wichtig ist der einfache und barrierefreie Einstieg ins Fahrzeug. Dabei soll im Idealfall die Haltestellenkante genau auf Höhe des Fahrzeugbodens sein, damit man ohne Höhenunterschied ein- und aussteigen kann. Was in der Theorie einfach klingt, hat in der Praxis seine Tücken.

Welche Rolle spielt die Haltestellenhöhe und die Standardisierung?

Seit vielen Jahren baut die VAG ihre Haltestellen mit einer Standard-Höhe von 24 Zentimetern über der „Schienenoberkante“. Dieses Maß wurde nach zahlreichen Versuchen und vielen Gesprächen mit Vertretern von Behindertenverbänden festgelegt. Es soll sicherstellen, dass der Einstieg in die Straßenbahn für alle möglichst barrierefrei ist. In den meisten Fällen funktioniert das auch gut.

Warum ist der Einstieg manchmal nicht ebenerdig?

Tatsächlich gibt es einige Faktoren, die die exakte Höhengleichheit zwischen Haltestellen und Fahrzeugboden erschweren. Zum Beispiel sind die Radreifen der Straßenbahnen unterschiedlich stark abgefahren. Das führt dazu, dass der Fahrzeugboden je nach Fahrzeug etwas höher oder niedriger liegt. Zudem hängt die Höhe des Fahrzeugbodens auch davon ab, wie viele Fahrgäste gerade an Bord sind. Bei voller Belegung liegt das Fahrzeug etwas tiefer, wenn weniger Fahrgäste an Bord sind, ist der Boden ein wenig höher.

Außerdem nutzen sich auch die Schienen im Laufe der Jahre ab. Das bedeutet, dass sich der Höhenunterschied zwischen der „Schienenoberkante“ und der Haltestelle nach und nach vergrößert. 

Wir sprechen hierbei von Höhenunterschieden im Bereich von maximal wenigen Zentimetern. Dabei kann schon jeder Millimeter mehr oder weniger den Unterschied machen, ob jemand mit Rollator oder Rollstuhl den Zustieg ohne fremde Hilfe schafft oder nicht.

Die Busse verfügen über eine ausklappbare Rampe für mobilitätseingeschränkte Personen. Die Rampe wird vom Fahrpersonal bedient.

Wie sieht es mit dem Niederflurangebot von Bus und Straßenbahn aus?

Mittlerweile verfügen alle 79 bei der VAG im Linieneinsatz befindlichen Straßenbahnen über stufenfreie Niederflureinstiege. Allerdings sind darunter noch neun Fahrzeuge (Stand Juli 2025) vom Typ GT8N aus dem Jahr 1991, die nur an der mittleren Türe über einen Niederflureinstieg verfügen. Hier ist dann Platz für zwei bis vier Rollstühle oder Kinderwagen. Wenn dieses Abteil voll belegt ist, kann es passieren, dass Personen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen die nächste Bahn abwarten müssen, was verständlicherweise äußerst ärgerlich ist. Die 75 Busse der VAG sind seit Jahren durchweg Niederflurfahrzeuge, die sich zudem an Haltestellen seitlich absenken lassen („kneeling“), um den Zustieg zu erleichtern.

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Was bedeutet Busbucht oder Buscap?

Für einen ebenerdigen Aus- und Einstieg muss ein Bus so an die Haltestellenkante hinbugsiert werden, dass er mit allen Türen möglichst nahe am Bordstein zum Halten kommt. Vor allem in den „Busbuchten“ ist das eine anspruchsvolle Aufgabe für die Fahrerinnen und Fahrer: Bei der Einfahrt in die Haltestelle muss man sich nach rechts aus der Fahrspur der Straße ausfädeln und in die Haltestelle einschwenken. 

Die dafür notwendigen Lenkbewegungen machen es teilweise knifflig, das ganze Fahrzeug über seine ganze Länge möglichst akkurat nahe am Randstein zu parken. Bei den sogenannten „Buscaps“ ist das wesentlich einfacher. Beispiele hierfür sind die Haltestelle in der Basler Straße direkt vor dem Pressehaus stadteinwärts oder die neugebauten Bushaltestellen „Idingerstraße“ in der Berliner Allee. Hier halten die Busse auf der Straße und somit von vorne herein parallel zur Haltestellenkante. Das erleichtert das exakte Anfahren des Bürgersteigs erheblich. Der Preis dafür ist jedoch, dass dann die rechte Auto-Fahrspur während des Haltestellenaufenthalts des Busses für den restlichen Verkehr blockiert ist.

Was erschwert den Bau barrierefreier Haltestellen?

Manchmal setzen auch die Geometrie oder andere Einflussfaktoren der größtmöglichen Barrierefreiheit Grenzen: Liegen Haltestellen zum Beispiel in einer leichten Kurve, dann wird der Spalt zwischen Haltestelle und Fahrzeug größer, was ein weiteres Hindernis darstellt. Und an den Straßenbahnhaltestellen am Bertoldsbrunnen durfte die VAG bei den Erneuerungsarbeiten 2014 und 2017 die Bahnsteige nur 16 Zentimeter hoch bauen. In der Fußgängerzone sollen keine gefährlichen Stolperfallen entstehen. Damit brauchen mobilitätsbeeinträchtigte Menschen dort dann jedoch zum Ein- und Ausstieg oft eine Rampe, um den Höhenunterschied zu überwinden. In den neueren Fahrzeugen sind an jeweils einer Tür Klapprampen fest verbaut, die allerdings nur vom Fahrpersonal bedient werden dürfen. In älteren Fahrzeugen haben die Fahrerinnen und Fahrer tragbare Rampen griffbereit und legen diese gerne an.

Immer mehr Haltestellen verfügen über sogenannte Blindenleitsysteme mit Rillen- und Noppenplatten.

Warum sind einige Fahrzeuge noch immer nicht barrierefrei?

Bei der VAG werden Straßenbahnwagen meistens fünfunddreißig bis vierzig Jahre lang gefahren. Das bedeutet, dass ein kompletter Technikwechsel wie der von Hochflur- zu stufenfreien Niederflurfahrzeugen rund vier Jahrzehnte braucht, da die VAG bei einem Stückpreis von ungefähr gut 4 Millionen Euro pro Straßenbahn nicht in der Lage wäre, den kompletten Fuhrpark auf einen Schlag auszutauschen, was zudem nicht sonderlich nachhaltig wäre.

Finden aktuell weitere Ausbau- und Modernisierungsmaßnahmen statt?

Die VAG ist beständig dabei, die Stadtbahnhaltestellen im Hinblick auf ihre Barrierefreiheit zu verbessern. Gleiches gilt für die Bushaltestellen, die jedoch in den meisten Fällen in die Zuständigkeit der Stadt Freiburg fallen. Dabei werden Aufstellflächen breiter gemacht, taktile Leitelemente in den Boden eingebaut, die Blinden und Seheingeschränkten die Orientierung ermöglichen oder Haltestellenhöhen an die Fahrzeughöhen angepasst. Oft können dafür sogar Fördermittel aus den Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) in Anspruch genommen werden.

Derzeit (im Sommer 2025) werden die Bushaltestellen an der Bissierstraße komplett neu gebaut und erheblich barrierefreier gestaltet als vorher. Die Straßenbahnhaltestellen „Hasemannstraße“ und „Emil-Gött-Straße“ werden im Zuge der Verlängerung der Stadtbahnlinie 1 in Richtung Kappel vollständig barrierefrei ausgebaut werden.

Welche rechtlichen Vorgaben muss die VAG erfüllen?

Rechtlich ist die Barrierefreiheit in Deutschland durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) geregelt. Das BGG verfolgt das Ziel, die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zu fördern und Diskriminierungen zu verhindern. Es fordert, dass öffentliche Einrichtungen und Verkehrsunternehmen barrierefrei gestaltet werden, um allen Menschen eine uneingeschränkte Teilhabe zu ermöglichen.

Das Gesetz kann natürlich keine exakten Vorgaben für jeden Einzelfall vorgeben. Es sagt aber, dass die Maßnahmen individuell und im Einzelfall „angemessen“ zu gestalten sind. Das bedeutet, dass der zeitliche und finanzielle Aufwand für Bemühungen zur Barrierefreiheit in einem „angemessenen“ Verhältnis zum Nutzen stehen soll. Muss zum Beispiel irgendwo für nur wenige Wochen ein Schienenersatzverkehr eingerichtet werden, dann müssen Abstriche bei der Barrierefreiheit unter Umständen in Kauf genommen werden.

Daneben gibt es eine ganze Reihe von DIN-Normen, die sich mit diesem Thema befassen und technische Maße vorgeben.

Woher kennt die VAG die Sicht von Betroffenen?

Die Freiburger Verkehrs AG arbeitet eng mit Behindertenverbänden und Betroffenen zusammen. Zwei Mal jährlich finden Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern solcher Organisationen statt, um Probleme im Betriebsalltag zu diskutieren. Zudem besteht ein kontinuierlicher Kontakt mit der Behindertenbeauftragten der Stadt Freiburg. Mitglieder mit verschiedenen Beeinträchtigungen sind auch im Fahrgastbeirat vertreten, der regelmäßig ein kritisches Feedback zu Betriebsabläufen und Infrastruktur gibt. Außerdem sind Schulungen für unser Fahrpersonal wichtig, damit diese auch die Perspektive von mobilitätseingeschränkten Personen kennen. Während ihrer Ausbildung und bei Schulungen tragen unsere Kolleginnen und Kollegen einen sogenannten Alterssimulationsanzug. In diesem Anzug ist sowohl das Bewegungsverhalten als auch das Hör- und Sehvermögen eingeschränkt – so lernen sie die Perspektive von mobilitätseingeschränkten Personen kennen. Außerdem gehört zur Ausbildung auch, selbst mit einem Rollstuhl ein- und auszusteigen. Auch so wird unser Fahrpersonal für das Thema sensibilisiert.

Fazit – Fortschritte und ein Ziel: ein inklusiverer ÖPNV

Die Freiburger Verkehrs AG ist in Sachen Barrierefreiheit gut aufgestellt.  Davon zeugen auch die auffällig vielen Kinderwägen, Rollstühle und Rollatoren in den Fahrzeugen. Dennoch gibt es noch einige technische, infrastrukturelle und organisatorische Herausforderungen. Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Verbänden, die Nutzung von Fördermitteln sowie der Ausbau der Niederflurtechnik und die durchgehenden taktilen Führungen für Sehbehinderte sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einem inklusiveren öffentlichen Nahverkehr. Ziel ist es, die Barrierefreiheit kontinuierlich zu verbessern und den öffentlichen Verkehr in Freiburg für alle Menschen noch zugänglicher zu machen.

Hier gibt es praktische Tipps zur Nutzung von Bussen und Straßenbahnen der VAG

Text: Andreas Hildebrandt

Fotos: Anja Thölking


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