Netzgeschichten

115 Jahre Stadtbahn in Freiburg

Bereits seit 1901 fährt der „Hoobl“, wie der Freiburger die schleifende Straßenbahn einst nannte, durch unsere Stadt und bringt seine Fahrgäste sicher ans Ziel. Anlässlich des 115. Jubiläums haben wir uns gemeinsam mit unserem ehemaligen Straßenbahnführer Siegmund Ruf auf eine Zeitreise begeben und die Geschichte unserer Stadtbahn für Sie zusammengefasst.

Pferdeomnibus am Siegesdenkmal

49 Jahre lang war Siegmund Ruf im Öffentlichen Nahverkehr beschäftigt, bevor er 1998 in den Ruhestand ging. An seinen Einstieg kann sich der Freiburger auch nach 67 Jahren noch erinnern: „Es war kurz nach dem Krieg, da war man über jede Arbeit froh, die man bekommen hat. So kam es, dass ich am 1. September 1949 bei der Städtischen Straßenbahn eine Lehre zum Maschinenschlosser anfing.“ Die Freiburger Straßenbahn blickte zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine Geschichte von fast fünf Jahrzehnten zurück. Bereits im Oktober 1901 hatte sie die bis dahin verkehrenden Pferdeomnibusse abgelöst. Für die Bevölkerung war die feierliche Eröffnung der sogenannten „Funkenkutsche“ ein großes Ereignis. So hielt ein Zeitzeuge auf einer der eigens zu diesem Anlass herausgebrachten Festpostkarten fest: „So ging’s gestern zu bei uns. Alles wollte fahren. Wir sind nach Günterstal spaziert und dann heimgefahren. Es ist arg nett und man ist so bald an Ort und Stelle.“

Die Stadtbahn fährt – da kann man das Auto schon mal stehen lassen.

Die Freiburger waren begeistert von der neuen Art der Fortbewegung. Bereits ein Jahr später konnte die Straßenbahn über drei Millionen Fahrgäste verzeichnen – sechzigmal so viele wie die Pferdeomnibuslinien zuvor. Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus und der Großteil des Personals wurde zum Heerdienst eingezogen. Von 133 Beschäftigten blieben bloß acht Personen übrig. So kam es, dass 1915 erstmals auch Frauen im Schaffnerdienst der Freiburger Straßenbahn eingestellt wurden. Nach Kriegsende blickte man nach vorn. Den Linien wurden Farben zugeordnet, um den Fahrgästen eine bessere Orientierung zu geben und man schmiedete Zukunftspläne.

Schwere Zeiten auf der Schiene

Doch der Optimismus währte nicht lang. Denn durch die große Inflation von 1923 stieg der Preis für einen Einzelfahrschein binnen kürzester Zeit von 10 Pfennig auf 100 Milliarden Reichsmark an. Die Fahrgastzahlen brachen drastisch ein und dem Straßenbahnbetrieb drohte die Schließung. Doch soweit sollte es nicht kommen. Mit Einführung der Rentenmark verbesserte sich die Lage wieder und in den folgenden Jahren konnte das Streckennetz in Freiburg sogar noch erweitert werden.

Zwischen dem Hohenzollernplatz und Betzenhausen wurde die erste Buslinie eingerichtet und 1930 eröffnete mit der Schauinslandbahn die weltweit erste Umlaufseilbahn, die für die Beförderung von Personen konzipiert war. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes bergauf. Doch der Zweite Weltkrieg änderte alles. Bei Luftangriffen auf Freiburg wurden mehrere Fahrzeuge, ein Großteil des Oberleitungsnetzes sowie ganze Streckenabschnitte zerstört, sodass der Straßenbahnverkehr schließlich ganz zum Erliegen kam. Als Siegmund Ruf vier Jahre nach Kriegsende zur Städtischen Straßenbahn kam, war der Wiederaufbau bereits abgeschlossen.

Er lebte sich schnell ein, doch stellte bereits während der dreieinhalbjährigen Lehre zum Maschinenschlosser fest, dass ihm ein entscheidender Aspekt an seiner Arbeit fehlte – der Kontakt zu Menschen. Und so entschied er sich zu einer zweiten Ausbildung: dem Beruf des Schaffners und Straßenbahnführers. „Schaffner und Wagenführer arbeiteten damals immer als Paar und tauschten alle 18 Tage ihren Zuständigkeitsbereich“, erinnert sich Ruf heute. „Besonders die Arbeit als Schaffner hat mir sehr viel Freude bereitet, denn damals musste man den Kunden am Bahnsteig noch selbst die Fahrscheine verkaufen und die jeweilige Station und Uhrzeit abstreichen – so kam man immer ins Gespräch.“

Straßenbahn mit Vorbildfunktion

Tarife im Jahr 1930

Ein Einzelfahrschein kostete damals 30 Pfennig für Erwachsene und 10 Pfennig für Kinder, doch die Fahrgäste waren die gleichen wie heute: Berufstätige, Schüler und Ausflügler, die es genossen, auch ohne ein eigenes Fahrzeug in Freiburg mobil zu sein. „Doch die Arbeit des Straßenbahnführers war damals noch sehr viel anstrengender als heute“, betont Ruf. „Als Fahrer musste man achteinhalb Stunden am Fahrschalter stehen, es gab weder Sitze noch Heizungen – und wenn die Scheibe beschlug, musste man sie ständig mit einem Salzbeutel freiwischen.“

Für die Fahrgäste war die Straßenbahn längst nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken. Während in den 1960er-Jahren viele Städte die Stilllegung ihrer Straßenbahn diskutierten, setzte Freiburg auf den Erhalt und die Modernisierung des Betriebs. Auch die Einführung der Fußgängerzone in der Kaiser-Joseph-Straße stellte 1972 eine stadtplanerische Besonderheit dar, denn während der motorisierte Individualverkehr aus der Altstadt verbannt wurde, durfte die Straßenbahn bleiben. Der Ausbau des Streckennetzes Anfang der 1980er-Jahre gilt bis heute als Renaissance der Straßenbahn in Deutschland. Und auch mit der Einführung einer übertragbaren Monatskarte ging Freiburg 1984 mit gutem Beispiel voran.

Heute bedienen die fünf Stadtbahnlinien in Freiburg 73 Haltestellen auf einer Streckenlänge von über 30 Kilometern. Siegmund Ruf, der es im Laufe seiner Karriere zum Vorgesetzten von über 350 Straßenbahn- und Busfahrern gebracht hatte, ging vor 18 Jahren in den Ruhestand. „Meinen letzten Arbeitstag hatte ich im Sommer 1998, danach bin ich erst mal mit dem Rad weggefahren, um mich abzulenken“, erinnert sich der ehemalige VAG Mitarbeiter an seine Pensionierung zurück. „Doch ehrlich gesagt träume ich noch heute vom Straßenbahnfahren.“


Text: Diana Ringelsiep, Fotos: Archiv VAG
Diesen Artikel und viele andere interessante Beiträge gibt’s in unserem Kundenmagazin Facetten, Ausgabe 1/2017.

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